Blues im Kuhstall? Eine Idee für den Stadlberghof
Manche Orte merkt man erst dann richtig, wenn es sie nicht mehr gibt. Das Raven in Straubing war so ein Ort. Ich hatte die Musikkneipe früher hier im Blog als Ausflugstipp empfohlen. Das funktioniert heute natürlich nicht mehr: Das Raven ist geschlossen, sein langjähriger Wirt Fred Dick ist im Juli 2025 gestorben. Was geblieben ist, sind Erinnerungen – und die Frage, wo Musik, die nicht unbedingt die großen Hallen füllt, künftig noch stattfinden kann. Als Bluesfreund beschäftigt mich diese Frage durchaus.
Ein Raven lässt sich nicht ersetzen Das Raven war speziell. Nicht perfekt, nicht glatt, nicht schick – und gerade deshalb hatte es Charakter. Fred Dick gab über viele Jahre Musikern eine Bühne, darunter auch Bands, die noch am Anfang standen oder mit ihrer Musik nicht automatisch große Säle füllen.
Wie groß die Lücke tatsächlich ist, zeigt ein Bericht der Straubinger Rundschau zum ersten Todestag von Fred Dick. Christian Meidinger von Blues Control beschreibt darin, dass gerade Rock, Punk und Blues inzwischen deutlich weniger Auftrittsmöglichkeiten in Straubing haben. Auch junge lokale Bands hätten es schwerer, eine Bühne zu finden. Im Raven fanden nach seinen Angaben zeitweise 150 bis 200 Konzerte im Jahr statt. Das ist eine Größenordnung, die zeigt, welche Bedeutung ein einzelner kleiner Musikclub für eine regionale Szene haben kann.
Interessant ist auch, was danach passiert ist. Vertreter der Musikszene und der Stadt haben sich mögliche Spielstätten angesehen. Doch offenbar scheitert manches an Raumgröße, Genehmigungen, baulichen Fragen oder anderen Rahmenbedingungen. Im Artikel fällt deshalb ein Satz auf: Ohne jemanden, der aus Überzeugung eine solche Bühne betreibt, wird die entstandene Lücke schwer zu schließen sein.
Natürlich wäre es falsch, daraus jetzt die Idee abzuleiten: Dann bauen wir eben ein neues Raven. So etwas lässt sich nicht kopieren. Ein Kulturort entsteht nicht durch ein Schild über der Tür. Er entsteht durch Menschen, Musiker, Gäste und viele Abende, an denen irgendwann etwas Eigenes wächst. Aber vielleicht muss man auch gar nicht gleich so groß denken.
Und dann ist da dieser alte Kuhstall …
Auf dem Stadlberghof gibt es einen ehemaligen Kuhstall. Wer alte Bauernhöfe kennt, weiß: Solche Räume haben ihren eigenen Charakter. Dicke Mauern, Geschichte, keine sterile Veranstaltungsarchitektur. Bei uns wird ein Teil des Hofes bereits für Dinge genutzt, die mit dem früheren landwirtschaftlichen Betrieb nicht mehr viel zu tun haben. Es gibt einen kleinen Weinladen, den ich eher aus Liebhaberei betreibe, und eine kleine Galerie.
Und manchmal geht mir durch den Kopf: Könnte hier nicht gelegentlich auch Musik stattfinden? Keine neue Großgastronomie. Kein Veranstaltungsbetrieb an jedem Wochenende. Und schon gar nicht der Versuch, das Raven nachzubauen. Eher ein paar besondere Abende im Jahr.
Blues natürlich. Vielleicht Jazz, akustische Musik oder Liedermacher. Kleine Besetzungen, Künstler aus der Region und hin und wieder jemand, den man sonst vielleicht nicht unmittelbar vor der Haustür erleben würde. Dazu ein Glas Wein, eine überschaubare Zahl von Gästen und ein Raum, der nicht aussieht wie jede andere Veranstaltungshalle. Das könnte zum Stadlberghof passen. Vielleicht braucht Kultur gerade solche kleinen Orte
Was mich an der Geschichte des Raven beschäftigt, ist nicht nur die Vergangenheit. Es ist die Frage, unter welchen Bedingungen kleine Kultur überhaupt entstehen kann. Nicht jedes Konzert trägt sich mit dreihundert Besuchern. Nicht jede gute Band hat tausende Follower. Und junge Musiker brauchen zunächst einmal Orte, an denen sie spielen können. Das Raven war auch deshalb wichtig, weil dort die Musik im Mittelpunkt stand und unterschiedliche Stilrichtungen eine Chance bekamen. Vielleicht besteht genau darin eine Aufgabe kleiner Veranstaltungsorte: nicht ausschließlich das anzubieten, von dem man vorher schon weiß, dass es sich verkauft.
Das klingt romantischer, als es in der Praxis ist. Veranstaltungen bedeuten Organisation, Technik, Genehmigungen, Sicherheit, Toiletten, Parkplätze, Nachbarn, Künstlerhonorare und vieles mehr. Ein alter Kuhstall wird nicht dadurch zum Musikclub, dass man Verstärker hineinstellt. Deshalb gibt es derzeit auch keinen fertigen Plan. Es gibt erst einmal eine erste Idee. Vielleicht finden sich Mitstreiter. Ich könnte mir vorstellen, dass daraus etwas wird, wenn sich Menschen finden, die Freude daran haben.
Musiker. Bluesfreunde. Leute aus der Region, die Veranstaltungen organisieren können. Menschen mit technischem oder gastronomischem Hintergrund. Vielleicht auch einfach ein paar Verrückte, die sagen: Probieren wir es einmal. Nicht gleich mit einem Jahresprogramm. Vielleicht beginnt es irgendwann mit einem einzigen Abend. Dann sieht man weiter.
Der Stadlberghof soll dabei das bleiben, was er ist. Ein Hof im Bayerischen Wald mit seiner eigenen Geschichte und Atmosphäre. Aber ein alter Hof darf sich verändern. Wo früher Kühe standen, können heute Bilder hängen, Weinflaschen stehen – und vielleicht irgendwann eine Gitarre, ein Bass und ein kleines Schlagzeug. Ich würde das jedenfalls nicht ausschließen.
Erst einmal: Blues hören
Bevor ich jetzt anfange, den Raum neu auszumessen, freue ich mich zunächst auf ein anderes Beispiel dafür, dass Blues auch abseits großer Städte funktioniert. Vom 14. bis 16. August 2026 findet in Falkenstein das Laguna BLUES Festival statt – jeweils von 17 bis 23 Uhr bei der Pizzeria Laguna BLUES in der Kirchbergstraße 3.
Am Freitag spielen Samantha Giordano und Carlotta Zentilini, am Samstag T.G. Copperfield. Am Sonntag stehen das Boldini Quartett sowie weitere Musiker und erneut Carlotta und Samantha auf dem Programm. Der Eintritt ist an allen drei Tagen frei. Vielleicht ist das ohnehin der beste Anfang für eine solche Idee: hingehen, Musik hören, mit Leuten sprechen und sehen, was andere auf die Beine stellen.
Und danach schaue ich mir vielleicht den Kuhstall noch einmal mit etwas anderen Augen an. Wer weiß. Vielleicht fehlt nur noch eine Bühne.